Nix zu verbergen

Bevor ich hier eine schöne Geschichte erzähle, möchte ich euch nicht die Zeit stehlen, sondern nur ein paar Fragen stellen. Wer diese Fragen zum Großteil ohne schlechtes Gewissen mit JA beantworten kann, braucht erst gar nicht weiterlesen, darf diese Seite aber trotzdem gerne teilen.

Besitzt Du ein Smartphone?

Weißt Du, dass Dich dieses besser kennt als Du selbst?
 
 Hast Du wirklich nichts zu verbergen?

Würdest Du all die Daten, die Du jetzt google, apple, amazon oder facebook gibst, auch bereitwillig einen wildfremden Menschen geben, der dich tagtäglich verfolgt und beobachtet?

Der weiß, wo Du jetzt und vielleicht die nächsten Tage bist? Wie es Dir geht? Wo Deine Kinder zur Schule gehen, und durch die Urlaubsfotos auf whatsapp, facebook, instagram, usw. genau weiß, wie sie aussehen?

Ist das nicht ein gruseliger Gedanke?

Keine Sorge, wird noch besser.

Möchtest Du, dass diese Person deine Krankengeschichte kennt und weiß, welche Medikamente Du nimmst? Bei welchem Arzt Du in Behandlung bist? Ob das Glas Wein gestern zu viel war und deswegen die Krankenkasse die nächste Untersuchung verweigert oder Beiträge erhöht?

Möchtest Du, dass dieser Mensch Dir einen sogenannten “Social Score” gibt, der aussagt, ob Du ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft bist? Wenn Du unter dem Normwert bist, Deine Freiheit eingeschränkt wird?

Oh, Du bist noch da. Schwitzt Du schon? Gut. 🙂 Also, hier die Geschichte.

Schön ist das sozial-digitale Dasein (Teil 1 – Wie alles begann)

Ich weiß noch ganz genau, als ich mein erstes Handy (ein Sony Ericsson – danke, Markus) in Händen hielt, meinen ersten Vertrag dazu abschloss und in der Welt der SMS aufging. Ich weiß noch ganz genau, als ich auf meinem Nokia das erste mal meine Mails abrufen konnte. Schöne neue Welt.

Ich weiß noch ganz genau, wie ich mein erstes Smartphone in Betrieb nahm und eigentlich einen voll ausgestatteten Computer jederzeit griffbereit haben konnte und ich dank google, apple, facebook und whatsapp mit alten Bekannten, verschollen geglaubten Schulfreunden und neu dazugekommene Menschen in Kontakt sein konnte.

Und das gratis! Ja, man musste nix zahlen! Außer vielleicht in dieser kurze Phase, in der whatsapp eine jährliche Gebühr verlangte.

Ich hatte damals schon im Hinterkopf: “Ähm, wie können die diese Dienste gratis anbieten für Millionen von Menschen? Das sind doch enorme Kosten, was die Server und Internetleitungen kosten?!”

“Achso…über die Werbung. Ja, da hab ich nix dagegen. Wenn ich sowieso mit Werbung überschüttet werde, kann es doch zumindest Werbung sein, die für mich interessant sein könnte.”

Und so verging eine Zeit, alles war gut, ich ging voll auf im digitalen Dasein mit den google- und apple-Diensten (“Ok, google, navigier mich nach Hause.”, „Hey Siri, was ist der Sinn des Lebens?“), war ständig auf facebook oder whatsapp aktiv, alles war in bester Ordnung, vor allem für die Werbeindustrie.

Ich weiß nicht mehr, wann ich begann, Ad Blocker zu verwenden. Der Hauptgrund war aber, dass mir die eingeblendete Werbung auf diversen Homepages auf den Zeiger gingen, somit war ich da recht schnell befreit.

So richtig stutzig wurde ich erst, als meine Frau mal bemerkte, dass Werbung auf einer Seite eingeblendet wurde, die eigentlich mit der vorausgegangen Suche nichts zu tun hatte.

Teil 2 – Meine Daten gehören mir … gar nicht?

Ich will hier aber eigentlich gar nicht näher auf die Werbung eingehen, sondern eher darauf, was daraus folgt, dass mir Werbung an Stellen gezeigt wird, die eigentlich da gar nicht sein dürfte. Technisch auch nicht, dass sprengt hier den Rahmen.

Um Werbung immer präziser auf die Einzelperson abstimmen zu können, werden immer mehr Daten abgegriffen. Google hat es da mit Android schon einfach, apple steht da aber auch in nix nach. Positionsdaten, G-Mail, Navigation, Bewertungsvorschläge auf Maps, Internetsuche.

Zack kann ich voraussagen, wann wo jemand sein wird, wie lange sich dieser jemand dort aufhält und sogar, wie wahrscheinlich es ist, da es ja Donnerstag ist, dass noch beim Stammtisch vorbeigeschaut wird. Ein Computerprogramm weiß also schon vorher, was in der Zukunft passiert. Ja, die Zukunft ist schon da, das ist keine Utopie mehr. Der Algorithmus übernimmt, Skynet erledigt den Rest. Aber ich schweife ab.

Ich weiß nicht, ob facebook von Anfang an schon darauf aus war, ebenfalls alles, was datentechnisch verwertbar ist, abzugreifen (so intelligent schätze ich Meister Zuckerberg eigentlich nicht ein), aber irgendwann wurde wahrscheinlich sogar google blass vor Neid, weil facebook es gelang, an sehr persönliche Daten aus dem Alltag zu kommen.

Natürlich musste der letzte Urlaub dokumentiert werden für die Lieben daheim, Hochzeiten, neue Erdlinge wie auch Kindergeburtstage waren detailliert für jeden mitzulesen und dank Bilder mit Positionsdaten auch örtlich klar zu benennen. Per Chat wurden Beziehungen beendet, gerettet oder neu geknüpft, wenn es einem schlecht ging, waren immer Leute da um aufzuheitern, man teilt sein Leben mit den Freunden und Bekannten. Und eben auch mit facebook, zu denen mittlerweile auch instagram und whatsapp gehört.

Facebook darf das, weil ihr bei der Anmeldung zugestimmt habt, dass es die Daten verwerten kann. Und viele fielen darauf herein, dass ein einfacher Post (der meist auch nur geteilt wurde) mit dem Inhalt “Hiermit widerspreche ich den AGB von Facebook” schon reicht, um der Datensammelei Einhalt zu gebieten. Äh…nein.

Google, apple und twitter dürfen das übrigens genauso. Ich war früher auch noch der Meinung, dass das alles ja nicht tragisch ist, habe jede AGB ohne zu lesen durchgewunken (weil die wollen uns ja nix Böses), aber ich bin kein Fan davon, dass mittlerweile einige große Firmen genauere Analysen von einer Person durchführen und somit ein klares Profil des Menschen mit all seinen Facetten darstellen können.

Die Dienste sind alle sehr einfach zu handhaben. Je einfacher, desto besser. Denn die Faulheit des Menschen ist sehr wertvoll für die Konzerne. Ich habe ja schon an der einen oder anderen Stelle versucht, darauf hinzuweisen, dass ein ähnlicher Komfort ohne Freigabe der eigenen Daten möglich ist, aber die Antworten waren dann eher so, dass ich an der Menschheit zweifle.

“Wieso soll ich mir einen anderen Messenger installieren? Ich hab ja whatsapp?!”
 “Auf whatsapp ist ja jeder.”
 “Was stellst Dich so an? Denk lieber an die Kinder, die auch whatsapp verwenden werden. Willst Du, dass Dein Kind dann ausgegrenzt wird?”
„Ich habe nix zu verbergen!“

Ja, ich zweifle. Denn irgendwann hab ihr euch z. B. whatsapp auch runtergeladen und es installiert. Und das könnt ihr mit den Alternativen wieder, diese Hoffnung habe ich. Darum mache ich die Seite hier auch. 🙂

Denn wer bis hier weitergelesen hat, dem dämmert vielleicht allmählich, auf was wir zusteuern. Und so technikaffin ich auch bin – wenn das so weitergeht, wird vielleicht doch eine Holzfällerstelle in Kanada frei.

Und ihr wollt doch nicht, dass ich anfange, mit einer Axt unschuldige Bäume zu fällen?! Nein, das könnt ihr nicht wollen!

Teil 3, Finale – Wie kommen wir da nur raus?

Ganz einfach: Mit dem Fediverse bzw. der dezentralen Dienste. Und wie einfach das geht, dafür ist diese Seite da. Und ich. Und hoffentlich bald auch ihr. Hier oder auf anderen Instanzen der vielfältigen freien Dienste da draußen. Lasst uns das Internet wieder in die eigenen Hände nehmen.

(wehende Fahnen, Pathos, mic dropped)